In der Metall- und Elektroindustrie sind nach Einschätzung des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall in den nächsten zwei bis drei Jahren weitere 300.000 Arbeitsplätze wegen Unterauslastung bedroht. Hauptgeschäftsführer Oliver Zander sagte dies laut dpa-AFX vom 4. November 2026 der Zeitung „Bild“. Die Beschäftigung fiele damit von heute rund 3,7 Millionen auf 3,4 Millionen. Zander spricht vom „niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung 1990“. Seit 2019 seien bereits 350.000 Stellen verloren gegangen.
Was sagt die Zahl aus, und was nicht?
Die Aussage fällt in einen laufenden Tarifkonflikt und stammt von einer Verhandlungspartei. In den uns vorliegenden Meldungen wird keine Berechnungsgrundlage genannt. Für eine Einordnung helfen drei einfache Vergleiche, die wir aus den genannten Werten gerechnet haben:
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- Anteil: 300.000 von 3,7 Millionen Stellen sind rund 8 Prozent der Branche.
- Tempo bisher: 350.000 Stellen seit 2019 entsprechen bei knapp sieben Jahren etwa 50.000 pro Jahr.
- Tempo im Szenario: 300.000 in zweieinhalb Jahren wären rund 120.000 pro Jahr. Das passt zu Zanders weiterer Angabe, wonach derzeit monatlich etwa 10.000 Arbeitsplätze wegfielen, die Ad-hoc-News wiedergibt.
Die 300.000 lesen sich damit weitgehend wie eine Fortschreibung des aktuellen Verlusttempos über 30 Monate. Das ist nachvollziehbar, setzt aber voraus, dass sich die Lage nicht bessert. Das ifo-Beschäftigungsbarometer vom Oktober zeichnet für die Industrie weiter ein schwaches Bild, meldete insgesamt aber eine gebremste Abbaudynamik. Und in der Gesamtmetall-Umfrage vom Oktober rechneten 42 Prozent der Betriebe mit Personalabbau, also nicht die Mehrheit.
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Wie weit liegen die Tarifparteien auseinander?
Die IG Metall verlangt fünf Prozent mehr Geld bei zwölf Monaten Laufzeit sowie Zusagen zu Jobs und Standorten. Die Arbeitgeber bieten eine Einmalzahlung von einem Prozent des durchschnittlichen Jahresentgelts im Juli 2027 und 1,3 Prozent mehr ab Juli 2028 bei 26 Monaten Laufzeit. Die Gewerkschaft weist das zurück. Zander nannte die Forderung gegenüber „Bild“ „unverantwortlich“ und warnte die Gewerkschaft vor einer Eskalation.
Am Montag, 2. November, beteiligten sich rund 38.000 Beschäftigte an 220 betrieblichen Aktionen; für diese Woche sind Arbeitsniederlegungen in mehr als 2.000 Betrieben angekündigt. Ein Termin für eine dritte Verhandlungsrunde stand nach einem Bericht vom 2. November in keinem Tarifgebiet fest. Wir haben Angebot und Forderung pro Kopf durchgerechnet.
Was heißt das für die Planung in den Betrieben?
Für einzelne Unternehmen ist eine Branchenzahl kein Maßstab. Die eigene Auslastung entscheidet. Die Debatte verändert aber das Umfeld: Beschäftigte nehmen Meldungen wie die über den Abbau bei Schaeffler wahr und fragen nach ihrer eigenen Lage. Gerade Fachkräfte mit guten Alternativen orientieren sich dann früher um, auch wenn ihr Betrieb gar nicht betroffen ist.
Hinzu kommt der Faktor Zeit. Wer Personal abbauen muss, braucht je nach Größenordnung Interessenausgleich und Sozialplan nach den §§ 111, 112 Betriebsverfassungsgesetz (BetrVG) sowie eine Massenentlassungsanzeige nach § 17 Kündigungsschutzgesetz. Wer erst bei akuter Unterauslastung damit beginnt, verliert Monate, in denen Personalkosten weiterlaufen.
Was Arbeitgeber jetzt wissen sollten
- Szenarien statt Schlagzeile: Rechnen Sie für 2027 und 2028 mindestens zwei Tarifergebnisse und zwei Auslastungsfälle durch. Die Spanne zwischen Forderung und Angebot ist derzeit groß.
- Altersstruktur auswerten: Wie viele Beschäftigte gehen bis 2029 ohnehin in Rente? Natürliche Fluktuation kann einen Teil des Anpassungsbedarfs auffangen, ohne dass Kündigungen nötig werden.
- Kommunikation vorbereiten: Sagen Sie intern, was die Branchendebatte für den eigenen Betrieb bedeutet und was noch offen ist. Versprechen, die später nicht haltbar sind, schaden mehr als eine ehrliche Unsicherheit.
- Schlüsselkräfte benennen: Legen Sie fest, wen Sie auch im schwachen Szenario unbedingt halten wollen. Pauschale Einstellungsstopps treffen oft genau diese Bereiche.
- Warnstreiks organisieren: Die Regeln für den Betrieb während eines Warnstreiks sollten Führungskräfte in dieser Woche kennen.