Das Geschäftsklima der deutschen Chemieindustrie ist im Oktober 2026 auf -5,9 Punkte gefallen, nach +3,0 Punkten im September. Das teilte das ifo Institut am 3. November mit. Bemerkenswert ist für Personalverantwortliche die Kombination: Die Unternehmen melden mehr Neuaufträge und wollen die Produktion ausweiten, planen wegen Umstrukturierungen aber weiteren Personalabbau. Der Stellenabbau folgt in der Branche also nicht mehr allein der Konjunktur.
Was die ifo-Zahlen zeigen
Die aktuelle Lage bewerten die Firmen mit 2,4 Punkten schlechter als im Vormonat (7,5). Deutlich stärker gaben die Erwartungen nach: von -1,5 auf -13,8 Punkte, ein Minus von 12,3 Punkten. Die Kapazitätsauslastung stieg dagegen auf 76,6 Prozent, nach 73,4 Prozent im Vorquartal. Die Aufträge kamen vor allem aus dem inländischen Verarbeitenden Gewerbe, das Auslandsgeschäft lief schwächer. ifo-Branchenexpertin Anna Wolf führt die Sorgen auf „Umstrukturierungen und Standortschließungen“ zurück.
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Einzuordnen ist das in ein schwaches Gesamtjahr: Der Branchenverband VCI meldete im Juli für das erste Halbjahr rund drei Prozent weniger Produktion und erwartet für 2026 ein Minus von 1,5 Prozent. Dass mehr Aufträge und schlechtere Erwartungen zusammenfallen, spricht dafür, dass die Firmen das Plus nicht als Trendwende verstehen. VCI-Präsident Markus Steilemann sprach damals von einer „Atempause“.
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Warum Evonik Gewinn steigert und Stellen streicht
Wie das in einem einzelnen Konzern aussieht, zeigen die am selben Tag vorgelegten Quartalszahlen von Evonik. Laut dpa-AFX stieg das bereinigte operative Ergebnis im dritten Quartal um 40 Prozent auf 629 Millionen Euro, unter dem Strich stand dennoch ein Verlust von 53 Millionen Euro. Grund ist vor allem eine Rückstellung von 313 Millionen Euro, im Wesentlichen für Abfindungen und weitere Kosten der im Juni angekündigten zusätzlichen Kürzungen: 3.200 Stellen bis Ende 2029, davon 2.150 in Deutschland. Ende September beschäftigte Evonik 30.319 Menschen, knapp 1.000 weniger als ein Jahr zuvor.
Ein grober Richtwert, den Evonik selbst so nicht nennt: 313 Millionen Euro geteilt durch 3.200 Stellen ergeben rund 98.000 Euro je Stelle. Die Zahl ist nur eine Orientierung, weil die Rückstellung auch andere Kosten enthält und nicht zwingend alle Stellen abdeckt. Sie zeigt aber die Größenordnung, mit der ein Sozialplan oder ein Freiwilligenprogramm in dieser Branche in die Bilanz drücken kann. Ähnlich gelagert ist der Fall BASF, wo trotz höherer Prognose der Stellenabbau weitergehen soll.
Wen das über die Chemie hinaus betrifft
Dem ifo Institut zufolge kamen die Aufträge zuletzt vor allem aus dem Inland. Damit hängen Chemiefirmen auch an Kunden, die selbst Personal abbauen, etwa in der Autozulieferindustrie wie bei Schaeffler. Für Dienstleister in Chemieparks kommt eine weitere Frage hinzu: Evonik bereitet laut dpa-AFX den Verkauf des Standortbetreibers Syneqt mit rund 3.500 Beschäftigten vor. Ein solcher Verkauf wäre arbeitsrechtlich regelmäßig an § 613a BGB zu messen, ob er so kommt, ist offen.
Zugleich dürften regional erfahrene Fachkräfte auf den Markt kommen, etwa aus Technik und Produktion. Das kann für Betriebe außerhalb der Branche eine Chance sein. Belastbare Zahlen dazu, wie viele tatsächlich wechseln, liegen uns allerdings nicht vor.
Was Arbeitgeber jetzt wissen sollten
- Aufträge nicht mit Bedarf verwechseln: Steigende Auslastung rechtfertigt allein noch keine Entwarnung. Die Personalplanung sollte die Erwartungen und den Standortplan einbeziehen.
- Abbaukosten früh beziffern: Wer umstrukturiert, sollte Sozialplan und Abfindungen zeitig mit dem Finanzbereich abstimmen. Der Zeitplan bis zur Massenentlassungsanzeige hilft bei der Reihenfolge.
- Freiwilligenprogramme gezielt bauen: Sonst gehen womöglich gerade die Falschen. Dazu unser Leitfaden für Freiwilligenprogramme.
- Zulieferer und Dienstleister: Es empfiehlt sich, Kundenrisiken in der Chemie jetzt zu prüfen, statt auf Abrufe im nächsten Jahr zu warten.