Stellenanzeigen in Deutschland verlangen häufig mehr, als für die ausgeschriebene Tätigkeit tatsächlich nötig ist, und schrecken damit passende Bewerber ab. Das geht aus einer Analyse hervor, die die Jobplattform Stepstone am 28. Oktober 2026 gemeinsam mit der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin vorgestellt hat. Demnach räumen 71 Prozent der befragten Personalverantwortlichen ein, dass Anzeigen oft zu viele Qualifikationen fordern. Gleichzeitig verzichten 44 Prozent der Jobsuchenden auf eine Bewerbung, wenn sie die formalen Kriterien nicht vollständig erfüllen.

Wie ist die Analyse aufgebaut?

Für die sogenannte Skills Map wurden mehr als 100.000 Stellenanzeigen auf Stepstone mithilfe künstlicher Intelligenz nach geforderten Fähigkeiten durchsucht. Dabei kamen 955.295 einzelne Nennungen zusammen. Ähnlich formulierte Anforderungen wurden mithilfe von Sprachmodellen zu 231 übergreifenden Kategorien gebündelt. Verantwortlich für Kodierung und Auswertung war nach Angaben von Stepstone Hendrik Send, Professor an der HTW Berlin. Zu Umfang und Zeitraum der ergänzenden Befragungen von Jobsuchenden und Personalverantwortlichen macht die Mitteilung keine näheren Angaben.

Lesen Sie auch Werkswohnungen: Wie Arbeitgeber mit Wohnraum um Fachkräfte werben

Welches Paradox zeigt die Studie?

87 Prozent der Personalverantwortlichen geben an, dass es ihnen schwerfällt, Bewerber mit den benötigten Fähigkeiten zu finden. Zugleich fehlt mehr als jedem zweiten von ihnen eine verlässliche Datengrundlage dazu, welche Anforderungen bei vergleichbaren Positionen üblich sind. Die Folge sind nach Einschätzung der Studienautoren überladene Profile, die viele geeignete Kandidaten gar nicht erst zu einer Bewerbung bewegen.

Stepstone-Arbeitsmarktforscherin Anna Wittich beschreibt das Problem so: Je länger eine Anforderungsliste werde, desto größer sei das Risiko, dass eine Anzeige im Grunde mehrere Fachkräfte zugleich beschreibe. Häufig bildeten Stellenanzeigen das Idealbild einer Rolle ab und nicht die Voraussetzungen, die zwingend erfüllt sein müssten.

Welche Berufsgruppen fallen auf?

Am umfangreichsten sind laut Analyse die Anzeigen im Marketing. Dort werden im Schnitt 15 Fähigkeiten pro Anzeige genannt, mehr als in jeder anderen Berufsgruppe. Neben Kommunikations- und Organisationsstärke werden Datenanalyse und Kenntnisse digitaler Plattformen erwartet. In der IT stehen Programmierkenntnisse im Mittelpunkt, ergänzt um Cloud-Technologien, IT-Infrastruktur sowie Sicherheits- und Risikomanagement. Im Personalwesen zählen neben administrativen Kernprozessen vor allem Serviceorientierung, Eigeninitiative und Empathie.

Was folgt daraus für die Personalgewinnung?

Die Ergebnisse treffen auf einen Arbeitsmarkt, auf dem viele Betriebe trotz schwacher Konjunktur weiterhin Fachkräfte suchen. Wer passende Kandidaten schon in der Anzeige aussortiert, verlängert die Besetzungszeit unnötig. Melden sich nur Bewerber, die jedes Kriterium erfüllen, schrumpft zudem der Kreis potenzieller Kandidaten, darunter auch solche, die fehlende Kenntnisse im Job rasch erwerben könnten.

Einzuordnen ist dabei, dass Stepstone als Jobplattform selbst Akteur im Recruiting-Markt ist; die Zahlen stammen aus eigenen Daten und Befragungen. Die Plattform rät Unternehmen, Anforderungsprofile regelmäßig zu überprüfen, klar zu priorisieren und konsequent zwischen Muss- und Kann-Kriterien zu unterscheiden. Bewerbern empfiehlt sie, sich von langen Listen nicht abschrecken zu lassen, solange die zentralen Kernkompetenzen passen.

Was Arbeitgeber jetzt wissen sollten

  • Anzeige mit der Fachabteilung entschlacken: Vor jeder Ausschreibung klären, welche wenigen Fähigkeiten für den Start wirklich unverzichtbar sind und welche später erworben werden können.
  • Muss und Kann sichtbar trennen: Wünschenswerte Kenntnisse ausdrücklich als solche kennzeichnen und dazu ermutigen, sich auch ohne vollständige Erfüllung zu bewerben.
  • Vergleichswerte nutzen: Anforderungen mit ähnlichen Stellen im eigenen Haus und am Markt abgleichen, statt alte Anzeigen einfach fortzuschreiben.
  • Einarbeitung mitdenken: Wer Lücken durch Einarbeitung oder Weiterbildung schließen kann, sollte das in der Anzeige erwähnen.
  • Anforderungen begründen können: Starre Vorgaben, etwa zu einer bestimmten Zahl an Berufsjahren, sollten mit Blick auf das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) sorgfältig geprüft werden.