Mehr als vier von zehn Jobsuchenden in Deutschland haben schon einmal einen Bewerbungsprozess abgebrochen, weil darin ein Interview mit künstlicher Intelligenz vorgesehen war. Das geht aus dem „2026 Candidate AI Interview Report“ des Recruiting-Softwareanbieters Greenhouse hervor. Mit 42 Prozent weist Deutschland demnach die höchste Abbruchquote der untersuchten Länder auf – obwohl hierzulande mit 57 Prozent zugleich besonders viele Befragte bereits ein KI-gestütztes Interview erlebt haben. Befragt wurden insgesamt 2.950 aktive Jobsuchende in den USA, Großbritannien, Irland, Deutschland und Australien.
Wie verbreitet sind KI-Interviews?
Über alle Länder hinweg gaben 63 Prozent der Befragten an, bereits von einer KI interviewt worden zu sein. Das waren nach Angaben von Greenhouse 13 Prozentpunkte mehr als ein halbes Jahr zuvor. 38 Prozent aller Befragten haben einen Prozess deshalb schon verlassen, weitere zwölf Prozent würden es nach eigener Aussage tun. Zu beachten ist, dass Greenhouse selbst Software für die Personalauswahl verkauft; die Befragung ist daher als Anbieterstudie einzuordnen.
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Bemerkenswert ist, woran sich die Ablehnung entzündet. Am häufigsten nannten die Befragten aufgezeichnete Videointerviews, die von einer KI bewertet werden, ohne dass ein Mensch beteiligt ist (33 Prozent). Es folgten mangelnde Offenlegung (27 Prozent) und eine KI-Überwachung während des Verfahrens (26 Prozent). Rund 70 Prozent der Betroffenen wurden nach dem Report nicht vorab klar informiert, dass eine KI im Spiel ist; jeder Fünfte erfuhr es erst während des Gesprächs. Grundsätzlich weniger KI im Recruiting wünschen sich dagegen nur 19 Prozent.
Was sagen andere Untersuchungen?
Auch andere Erhebungen zeigen Vorbehalte in Deutschland. Im KI-Monitor 2026 des Marktforschungsinstituts Ipsos lehnten 64 Prozent von rund 1.000 Befragten eine KI-gestützte Vorauswahl von Bewerbern ab, 24 Prozent hatten damit kein Problem. Eine ältere Befragung der Königsteiner Gruppe aus dem Jahr 2024 ergab, dass 52 Prozent der Beschäftigten Interviews mit Chatbots oder Avataren grundsätzlich ablehnen.
Ein anderes Bild zeichnet ein großes Feldexperiment der Ökonomen Jabarian und Henkel (University of Chicago Booth und Erasmus-Universität Rotterdam) aus dem Jahr 2025 mit rund 70.000 Bewerbern für Callcenter-Stellen auf den Philippinen. Dort führten KI-geführte Interviews zu zwölf Prozent mehr Jobangeboten, und 78 Prozent der Bewerber wählten den KI-Interviewer, wenn sie die Wahl hatten. Die Ergebnisse sind wegen der anderen Zielgruppe und des anderen Arbeitsmarkts nur bedingt auf Deutschland übertragbar.
Warum ist Transparenz so wichtig?
Die Befunde legen nahe, dass weniger die Technik an sich als die Art ihres Einsatzes über die Akzeptanz entscheidet. Fehlende Information, keine Alternative und kein menschlicher Ansprechpartner gelten in den Befragungen als die größten Abschreckungsfaktoren. Für Arbeitgeber in einem angespannten Fachkräftemarkt kann das bedeuten, dass sie mit schlecht eingeführten KI-Interviews gerade die Kandidaten verlieren, die mehrere Optionen haben.
Was Arbeitgeber jetzt wissen sollten
- Bewerber sollten vorab klar darüber informiert werden, ob und wofür KI im Auswahlverfahren eingesetzt wird. Die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) verlangt ohnehin Transparenz und setzt in Artikel 22 rein automatisierten Entscheidungen enge Grenzen.
- KI-Systeme, die in der Personalauswahl eingesetzt werden, gelten nach der europäischen KI-Verordnung (AI Act) grundsätzlich als Hochrisiko-Anwendungen mit besonderen Pflichten für Anbieter und Betreiber.
- Die Einführung von Software, die Verhalten oder Leistung auswerten kann, unterliegt in Betrieben mit Betriebsrat in der Regel der Mitbestimmung nach § 87 Abs. 1 Nr. 6 Betriebsverfassungsgesetz (BetrVG).
- Es empfiehlt sich, Abbruchquoten im Bewerbungsprozess zu messen und einen menschlichen Ansprechpartner oder eine Alternative zum KI-Interview anzubieten.