Bei rund 40 Prozent der Handwerksbetriebe in Baden-Württemberg, die für das Ausbildungsjahr 2026/2027 Lehrstellen angeboten haben, ist mindestens ein Platz unbesetzt geblieben. Das hat eine Umfrage des Baden-Württembergischen Handwerkstags (Handwerk BW) unter 2.600 Betrieben ergeben, die der Verband am 28. Oktober 2026 in Stuttgart veröffentlichte. Besonders häufig betroffen sind das Nahrungsmittelhandwerk sowie das Dienstleistungshandwerk.
Warum bleiben Ausbildungsplätze frei?
Bei mehr als der Hälfte der Betriebe mit offenen Stellen ging laut Handwerk BW überhaupt keine Bewerbung ein. Bei rund vier von zehn fehlten geeignete Kandidatinnen und Kandidaten. Bemerkenswert ist, dass auch Betriebe mit freien Plätzen Bewerber ablehnten. Als Hauptgründe nannten sie mangelnde Deutschkenntnisse sowie fehlende Leistungsbereitschaft oder Motivation.
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Auch der Rückzug aus der Ausbildung hat Gründe: Von den Betrieben, die weder ausbilden noch Plätze anbieten, verweisen 14 Prozent auf wirtschaftliche Unsicherheit. Rund elf Prozent nennen das Alter des Inhabers oder Ausbilders beziehungsweise eine anstehende Betriebsübergabe.
„Unsere Betriebe wollen ausbilden. Aber zu oft finden Angebot und Nachfrage nicht zusammen“, sagte Landeshandwerkspräsident Rainer Reichhold. Mit Praktika und Vorqualifizierungen könnten Betriebe einiges auffangen; die Grundlagen für eine Ausbildung müssten aber die Schulen vermitteln.
Ist das nur ein regionales Problem?
Nein, bundesweit ist die Lage ähnlich angespannt. Nach der Ausbildungsumfrage 2026 der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), für die im Mai 2026 mehr als 14.000 Unternehmen befragt wurden, konnte rund jeder zweite Betrieb 2025 nicht alle Ausbildungsplätze besetzen. Der Anteil stieg von 31 Prozent im Jahr 2015 auf zuletzt 49 Prozent. Rund zwei Drittel der Betriebe mit Besetzungsproblemen nennen fehlende geeignete Bewerbungen als Hürde. Zugleich bieten 29 Prozent der Betriebe weniger Ausbildungsplätze an als im Vorjahr, nur 13 Prozent mehr.
Etwa vier von zehn Betrieben beobachten laut DIHK häufige Defizite bei Auszubildenden in Mathematik, wirtschaftlichem Grundwissen oder Deutsch. Drei von vier Betrieben mit solchen Erfahrungen sind dennoch offen für Jugendliche mit Startschwierigkeiten und bieten etwa Nachhilfe an.
Welche Potenziale sieht das Handwerk?
Handwerk BW warnt davor, Bewerber vorschnell abzuschreiben. In den befragten Betrieben hätten auch Geflüchtete und Jugendliche mit besonderem schulischem Förderbedarf ihre Ausbildung erfolgreich abgeschlossen. Gute Berufsorientierung, Sprachförderung und eine verlässliche Begleitung während der Ausbildung nennt der Verband als zentrale Bausteine der Fachkräftesicherung. Wie wichtig der Nachwuchs ist, zeigt eine weitere Zahl: Laut dem Fachkräftebedarfsmonitor von Handwerk BW entfällt rund jede fünfte gemeldete offene Stelle in Baden-Württemberg auf einen Handwerksberuf. Jeder unbesetzte Ausbildungsplatz fehle später bei der Fachkräftesicherung, mahnte Reichhold.
Was Arbeitgeber jetzt wissen sollten
- Früher sichtbar werden: Wenn viele Betriebe gar keine Bewerbungen erhalten, lohnen Schulkooperationen, Praktika und Präsenz auf regionalen Ausbildungsmessen.
- Förderinstrumente nutzen: Die Bundesagentur für Arbeit unterstützt mit Angeboten wie der Einstiegsqualifizierung und der Assistierten Ausbildung Jugendliche, die zusätzliche Hilfe brauchen. Ansprechpartner sind Arbeitsagenturen und Kammern.
- Sprachförderung einplanen: Bei Bewerbern mit Deutschdefiziten können berufsbezogene Sprachkurse den Einstieg ermöglichen, statt die Bewerbung abzulehnen.
- Nachfolge und Ausbildung verbinden: Wer eine Betriebsübergabe plant, kann die Ausbildung bewusst als Teil der Nachfolge- und Personalplanung nutzen.
- Übernahme betonen: Klare Übernahmeperspektiven machen Ausbildungsangebote attraktiver. Laut DIHK übernehmen vier von fünf Betrieben mindestens drei Viertel ihrer Absolventen.